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Beiträge zur Theorie der Globalisierung sind Beiträge zu einer experimentellen Wissenschaft (Osterhammel/Rosenberg). Im Mittelpunkt steht dabei die Debatte über die Idee einer Kultur, die sich von der Perspektive einer Verwestlichung gleich Moderne verabschiedet. Das komplexe System miteinander kooperierender und kommunizierender Kulturen, welches die zeitgenössische Vernetzung hervorgebracht hat, repräsentiert einen Spezialfall kultureller Wechselwirkung. Die verschiedenen Generationen, die ihm zugehören, repräsentieren grundsätzliche Unterschiede, wie sie sich früher nur über lange Zeiträume entwickelten (Julian Saurin).

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Die Navigation durch eine Fülle von kunsthistorischen Themen hat begonnen, während ihr Ordnen und Benennen in transnationalen Zusammenhängen noch aussteht. Wir implizieren daher mit der Frage nach der Übersetzbarkeit diskursiver Medien kein Naturgesetz, sondern ein Muster unterschiedlicher kultureller Konstruktionen (Justin Rosenberg).

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Im akademischen Bereich haben wir in Europa gerade damit begonnen, uns nach dem Vorbild Amerika über die Fachgrenzen und Nationalitäten hinaus zu vernetzen, und wir haben bezogen auf transdisziplinäre Studien noch einen langen Weg vor uns (Robert David Sack). Aber ein »Ortswechsel des Denkens«, wie es François Jullien etwa mit Blick auf China formulierte, braucht gegen den Widerstand der ›Alten Welt‹ einen langen Atem (Jan Aart Scholte). Transdisziplin lässt eigene Begrenztheit besser verstehen, die sich oft allzu schnell universal wähnt. Transkulturalität ist kein räumlicher, sondern ein sozialer Prozess (spatial turn).

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Die visuellen Medien mit ihren globalen Interaktionszusammenhängen stellen einen Faktor kulturellen Wandels und der Neuorientierung dar, gleichwohl ersetzen sie nicht die persönliche Interaktion. Die Verschiebungen, die zu Tage treten, wenn Bilder und Dinge ihren Kontext wechseln, müssen als semantische und visuelle Enteignungen weiter untersucht und differenziert werden (Jaeger/Haustein).

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Dabei wechseln sich positive Konnotationen der Moderne (China/Afrika) mit zivilisationskritischen Haltungen ab (Lateinamerika). Die Überschneidungen verschiedener kultureller Felder bringen neue Kartografien kultureller Transfers mit sich, die über eine Vielzahl von Kanälen gleichzeitig verlaufen. Der Kunsthistoriker und Philosoph Edgar Wind prägte lange vor Foucaults Begriff der Heterotopie in Bezug auf das Heterogene zweier Seinsweisen den Begriff der experimentellen Störung, den man für das eng verschränkte Gefüge westlicher und globaler Bildwelten sinnvoll übernehmen könnte.

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Die spezifische Auseinandersetzung Foucaults mit Panofsky könnte in diesem Forschungsfeld aus der Kunstgeschichte heraus von Interesse sein. Edgar Winds auf die nicht klassische Physik bezogenen Schlüsselbegriffe »symbolische Repräsentation« bzw. »Verkörperung« sind bei der Ausbildung eines transdisziplinären Vokabulars hilfreich, um das Imaginäre und die koloniale Vorstellungswelt aus wissenschaftlichen Forschungen ebenso herauszufiltern wie als Charakteristikum transnationaler Kunstwerke zu beschreiben. Die Geschichte der Rezeption verdient hier neu geschrieben zu werden, und dieser ganze Bereich wird einen nicht unerheblichen Meilenstein der Forschung in einem neu zu etablierenden Studiengang darstellen. Es wird dabei zu zeigen sein, dass die europäische Kunstgeschichte und die Geschichte des Kolonialismus Hand in Hand verlaufen.

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Der Universalismus, ein alter Anspruch der Moderne, universale Kultur auswechselbar an jedem Ort der Welt zu zeigen, ist ein ebenso überholtes, missionarisches Ziel wie die Vorstellung einer einheitlichen globalen Kunst und Kultur.

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Für das Eindringen symbolischer Mischformen erscheint es nützlich, Edgar Winds Inspirationsquellen der Naturwissenschaft weiterzudenken und Begriffe wie Entropie, Stochastik, schwache und starke Emergenz oder auch die Beobachtung der Brownschen Molekularbewegung als Analogien beim Verständnis für kulturelle Prozesse aufzusuchen. Lange vor den aktuellen Diskussionen über non-lineare Systeme entdeckten die Künstler diese Metapher. Es scheint, als ob der globale Ort auch die Akteure neu definiere und Respekt für die Unterschiede einfordere.

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Manuell Castells hebt in seiner Beschreibung der Netzwerkgesellschaft ihre Stabilität in der Veränderung hervor, die zum Bestandteil globaler Erfahrungswelten gehört. Charakteristisch seien immer Bildgattungen, die Wissen und Informationen zusammenbringen und in so genannten feedback loops oder Rückkopplungen permanent visuelle Innovationen erzeugen. Es bilden sich in diesen alltäglichen Bildarchiven mit ihren osmotischen Bildbewegungen globale Gruppierungen oder »ethnoscapes« aus (Appadurai), die durch Medienbilder konstituiert sind. Sie können auf Grund ihrer traditionellen Bindung und religiösen Zugehörigkeiten Zusammenhänge verursachen, die »im Grad ihrer Veränderung oft so unverstanden bleiben«, dass Castells zum Abschluss seiner Trilogie mit der Vokabel von der »informierten Verwirrtheit« provoziert.

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Einzeluntersuchungen vor Ort oder Quellenstudium von Kunst im globalen Kontext sind bislang eher die Ausnahme, obwohl deren Ergebnisse schließlich für Forschungsstrategien einer noch zu entwickelnden Kunstgeschichte im globalen Kontext Voraussetzung sind. In Anlehnung an die Übersetzung des jamaikanisch-britischen Soziologen Stuart Hall von ›routes‹ sollte dabei jenseits der üblichen Regionalstudien nach Wegen in die Zukunft gefragt werden, statt sich nostalgisch nach ›roots‹, der geografischen Herkunft oder traditionellen Kultur zurückzusehnen, die es in Europa als eine Form projektiver Ethnologie gibt (Fischer-Lichte). Sie wird durch immer größere Kenntnis von noch nicht interpretierbaren Erscheinungen anderer Kulturen ebenso intensiviert wie durch die vergessene Erkenntnis, dass die Geschichte des historischen Denkens über ein Phänomen seine Interpretationen oft zu überlagern pflegt.

Lizenz

Jedermann darf dieses Werk unter den Bedingungen der Digital Peer Publishing Lizenz elektronisch über­mitteln und zum Download bereit­stellen. Der Lizenztext ist im Internet abrufbar unter der Adresse http://www.dipp.nrw.de/lizenzen/dppl/dppl/DPPL_v2_de_06-2004.html

Empfohlene Zitierweise

Haustein L.: Übersetzung. Überlegungen zu einer Kultur der Globalisierung. In: Kunstgeschichte. Texte zur Diskussion, 2009-7 (urn:nbn:de:0009-23-17767).  

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Kommentare

  1. Kohle, Hubertus | 12.03.2009

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