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Felix Thürlemanns Besprechung der Frankfurter Ausstellung mit Werken von Rogier van der Weyden und dem Meister von Flémalle kann nicht kommentarlos hingenommen werden: Sie widerspricht wissenschaftlicher Fairness, lässt allzu sehr Verbitterung ihres Autors spüren und hätte weder digital noch erst recht im zweiten Aufguss vom 14. Februar in der Neuen Zürcher Zeitung so erscheinen dürfen. Aus ihr spricht der verletzte Stolz eines Gelehrten, der, nachdem er Gregor von Tours untreu geworden ist, sich als Kenner versucht hat, mit der Kennerschaft aber zu wenig Überzeugungskraft entwickelte.

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Man müsste sich in einem Fach wie der Kunstgeschichte darum nicht weiter grämen; denn verletzte Eitelkeiten gehören zur täglichen Erfahrung; wer wäre nicht selbst zuweilen davon betroffen? Doch wenn der Zorn dazu führt, dass ein im Stolz verletzter Möchtegern-Vertreter einer seltenen und sehr spezifischen Fachdisziplin gleich denen das Wort redet, denen die ganze Methodologie gegen den Strich geht, ist das für die Glaubwürdigkeit des ganzen Fachs gefährlich. Denn wer als Kenner gescheitert ist, darf nicht daraus schließen, die gesamte Kennerschaft sei nur deshalb in die Krise geraten, weil sie seinen Hypothesen nicht folgt.

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Anders als bei Großbankern, die in der Tat heftigen Schaden anrichten mögen, stört ein kennerschaftliches Fehlurteil höchstens das Bild vom Bild, aber es zerstört das Gemälde nicht; und wer gut zuhörte, was die einen oder anderen in Frankfurt vor den Bildern erzählten, erfuhr, dass auch Felix Thürlemanns Robert Campin in der Ausstellung fröhliche Urstände feierte. Die heutige Kunstgeschichte wird freilich durch Druck von außen, dem manch einer von innen nur zu gern nachgibt, immer stärker zu rein rhetorischer Fingerübung, die ihr Heil in der Leugnung der Tatsache sucht, dass ein Fach wie Kunstgeschichte auch facheigene Grundkompetenzen erfordert. Die wichtigste davon ist das kennerschaftliche Urteil; und das wird auch so bleiben, selbst wenn die Zahl der Kenner, auf deren Urteil man zählen kann, schon begabungsgemäß immer klein war und klein bleiben wird.

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Nun haben sich Stephan Kemperdick und Jochen Sander daran gemacht, in zwei Stufen die transportablen Bilder aus den Stilgruppen von Rogier van der Weyden und dem Meister von Flémalle zusammenzutragen, zunächst mit einem Schwerpunkt um die angeblich aus dem belgischen Flémalle stammenden Frankfurter Tafeln im Städel und dann um die Hauptwerke Rogiers in der Berliner Gemäldegalerie, die bekanntlich die beste Sammlung von Werken dieses Künstlers besitzt.

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Jeder, den das Thema interessiert, musste dankbar sein, wie viel zur ersten Station in Frankfurt zusammengekommen war. Nur ein trotziger Knabe kann, wie in den digitalen Abbildungen veranschaulicht, dagegen halten, man habe, wenn man schon das Mérode-Triptychon aus New York heranschaffen durfte, doch bitteschön auch gleich die ganzen hübschen Gegenstände mitbringen müssen, die in den Cloisters die Inszenierung des Werks so unvergesslich schön machen. Von geradezu naivem Charme ist auch die Einrede, man solle doch bitte nicht am Anfang einer solchen Ausstellung schon ein Ergebnis präsentieren. Kunstausstellungen, sobald sie einen Katalog veröffentlichen, können das gar nicht vermeiden. Der kluge Mann weiß aber, dass er noch klüger wird, wenn er erst alle Erkenntnismöglichkeiten aus solchen Ausstellungen ernsthaft nutzt.

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Tatsächlich halten sich Jochen Sander und Stephan Kemperdick als die beiden Hauptautoren des Frankfurter Katalogs, der in gleicher Aufmachung in Berlin verkauft werden wird, mit ihren persönlichen Meinungen zurück: Sie versuchen, in den Katalogabschnitten das Material vor der eigenen Meinung sprechen zu lassen. Dass man, wenn man schon eine solch prachtvolle Schau darbieten kann, dem eigenen Urteil Raum gibt, ist nur verständlich; denn wozu, wenn nicht zur Prüfung der eigenen Vorstellungen veranstaltet man so etwas? Wer weiß, wie auf Kolloquien die Fetzen fliegen können, muss sich deshalb eher wundern, wie zaghaft die Schelte der nicht beteiligten Kolleginnen und Kollegen in den Beiträgen bleibt. Das entschiedenste Urteil findet sich noch im höchst eindrucksvollen Beitrag zur Ikonologie von Bastian Eclercy, der sich als Seiteneinsteiger herausnimmt, selbst unserem Kollegen Felix Thürlemann im einen Punkte Recht, im anderen Unrecht zu geben.

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Wer Augen hatte zu schauen und den Kopf frei von Vorurteilen, wird selbst bei dem Werk, auf das Felix Thürlemann seine eigene Schelte fast ganz beschränkt, den jüngeren Kollegen vom Museum folgen: Die drei Tafeln des Mérode-Altars stammen offenbar von drei Händen; dem Maler der Verkündigung begegnete man in Frankfurt sogar gewiss in keinem anderen Bild; man erlebte das Gemälde trotzdem in voller Würde und nicht wie von Lorne Campbell zum Pasticcio gemacht. Ich selbst glaube, dass Stephan Kemperdick einmal das Richtige dazu gesagt hat, auch wenn es bitteren Kritikern dieser Ausstellung erspart wurde, nämlich dass kein Tafelbild dem Buchmaler, den man als Meister der Katharina von Kleve kennt, so nahe kommt wie dieses.

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Wer sich den Kopf frei halten wollte für eigene Schlüsse, fand in dem geradezu zögerlichen Resümee von Stephan Kemperdick und Jochen Sander auf den Seiten 149-159 keine Denkverbote, wohl aber genügend Anregungen und, wie wir heute so schön sagen, food for thought. Wer den Katalog nach Thürlemanns Verdikt in die Hand nimmt, und das sollten alle seine Leser so schnell wie möglich tun, findet erstens, dass es weit mehr Bilder zu gucken gab als das Mérode-Triptychon und die tatsächlich hinreißende Brüsseler Verkündigung. Erfreut wird man die Vornehmheit der Urteilssuche in den Katalogbeiträgen wahrnehmen; auch jenen, die sich gut auskennen, werden die Essays am Anfang Neues bieten, und sei es nur Kemperdicks spannende Zusammenstellung von wandelbaren und nicht wandelbaren Bildensembles.
Wer das alles flüchtig überblickt, muss dann den Rezensenten fragen, warum Thürlemann nicht nur den blitzgescheiten Eclercy, sondern die ebenso eindrucksvolle Antje-Fee Köllermann keines Wortes würdigte.

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Als Altersgenosse aber will ich zum Schluss dem Rezensenten doch noch die Hand reichen: Wir sollten eine Robert-Campin-Gesellschaft ins Leben rufen, die jene extrem seltenen Fälle in der Kunstgeschichte sammelt, wie man sie rekonstruieren muss, um dem historischen Campin das Flémaller Konvolut als Ganzes zu geben: Dass ein Mann unseres Alters, ein Profi, der schon Dezennien gearbeitet hat, mit etwa 55 Jahren noch einmal völlig neu loslegt, gibt uns Alten Hoffnung. Man stelle sich nur vor, dass man eines Tages den Schatten wahrnimmt, der schon ewig vom Licht gefallen war, aber erst im sechsten Lebensjahrzehnt im Kopf angekommen und durch die Hände ins Bild gebracht wurde.

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Wer eine solche späte Ermannung des damals schon greisen Künstlers nicht recht glauben mag, dem bleibt der Ausweg zu Rogier van der Weyden in jener Rolle, die ihm in diesen beiden überwältigend schönen und überraschend klugen Ausstellungen zögerlich, nicht plakativ zukommt. Schließlich wird man sich wundern, worum der neuerliche Streit ausgebrochen ist; denn in einem Urteil sind sich Sander und Kemperdick mit Thürlemann einig: Die Kreuzabnahme des Prado gehört mit den Frankfurter Tafeln zusammen; die wiederum stammen nicht aus Flémalle, heißen nur so, als täten sie das. Wenn sie anders als bei Thürlemann für den fast greisen Robert Campin nicht in Frage kommen, bleibt uns Rogier, was schmerzt da?
Es tut Älteren weh, wenn Jüngere etwas Neues ausprobieren, selbst wenn sie damit zugleich scheinbar zurückfallen vor die Zeiten falscher Gewissheit!

 

Lizenz

Jedermann darf dieses Werk unter den Bedingungen der Digital Peer Publishing Lizenz elektronisch über­mitteln und zum Download bereit­stellen. Der Lizenztext ist im Internet abrufbar unter der Adresse http://www.dipp.nrw.de/lizenzen/dppl/dppl/DPPL_v2_de_06-2004.html

Empfohlene Zitierweise

König E.: Kommentar zu Felix Thürlemann: Die Kennerschaft zelebriert ihre Krise. Beobachtungen und Überlegungen zur Ausstellung »Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden« (Kunstgeschichte. Texte zur Diskussion 2008-2). In: Kunstgeschichte. Texte zur Diskussion, 2009-21 (urn:nbn:de:0009-23-18073).  

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